Gedichtübersetzung und Dialekt – eine unmögliche Kombination?

By Irmeli Helin (University of Turku, Finland)

Abstract & Keywords

English:

Dialects are usually considered as our home and our first mother tongue. Later on, if we move to other places to study or to work, we always long for the old homely feeling only this place and this dialect can give us. We must not deny that our deepest feelings are expressed and adopted in childhood using our home dialect. In this paper, using a poem in a southwest Finnish dialect as material, I try to find out if the texts of a famous poet writing in dialect can be translated into foreign dialects of both the same mother tongue and foreign target languages. Because of copyright reasons all of the translations could not be included but can be found on the internet pages of the author of the poem. 

German:

Die Muttersprache im engeren Sinne ist für uns alle der Dialekt, den wir im Elternhaus und in unserer ersten Umgebung  sprechen gelernt haben. Er ist sozusagen unsere Heimat, wonach wir uns sehnen, wenn wir den Wohnort wechseln, um anderswo zu arbeiten oder zu studieren. Die Sehnsucht ist da, ob wir das Gefühl zugestehen oder nicht. Die Dichterin, deren Dialektgedicht das Material dieses Beitrags bildet, hat wohl nie ihre sprachliche Heimat, den südwestfinnischen Dialekt verleugnet. Sie hat ihre Gedanken und Gefühle immer in ihrem Dialekt geäuβert und ist  dadurch oder trotzdem überall im Land berühmt und beliebt geworden. Das betreffende Gedicht wurde von mehreren Fans in mehrere Dialekte und Sprachen übersetzt und gibt uns die Gelegenheit darüber nachzudenken, ob es möglich ist, die tiefsten Bedeutungen eines Dialektgedichts zu übertragen, es sei denn in dieselbe Standardsprache, in Fremdsprachen  oder in irgendeinen anderen Dialekt.

Keywords: dialect, dialect poems, translation of dialect poem, dialekt, dialektgedicht, übersetzen der dialektgedichte

©inTRAlinea & Irmeli Helin (2012).
"Gedichtübersetzung und Dialekt – eine unmögliche Kombination?"
inTRAlinea Special Issue: The Translation of Dialects in Multimedia II
Edited by: Giovanni Nadiani & Chris Rundle
This article can be freely reproduced under Creative Commons License.
Permanent URL: http://www.intralinea.org/specials/article/1838

1. Einleitung

In diesem Beitrag wird die Dialektübersetzung aus dem Gesichtspunkt der Dialektgedichte betrachtet, und zwar derjenigen, die ursprünglich im Dialekt gedichtet wurden. Als Ausgangspunkt wurde das in Finnland eventuell bekannteste Dialektgedicht der letzten Jahre Lehm ja koiv, [‚die Kuh und die Birke’] von Heli Laaksonen gewählt. Diese Autorin ist seit vielen Jahren wohl die bekannteste und beliebteste finnische Dialektdichterin. Sie verfasst ihre Texte in ihrem eigenen südwestfinnischen Dialekt, dem Dialekt des „Eigentlichen Finnlands“, und hat schon mehrere Gedichtsammlungen, Essays und sogar ein Schauspiel im Dialekt veröffentlicht. Auβerdem macht sie in Finnland erfolgreiche Tourneen, wo sie ihre Gedichte vorliest und Vorträge hält.

Wie aber sehen TranslatologInnen ein Gedicht, das aus einem Dialekt in eine andere Mundart der selben oder einer anderen Sprache übersetzt worden ist bzw. übersetzt werden soll? Handelt es sich dabei nur um eine Aufgabe, die nach dem gestellten Skopos durchzuführen ist und danach eventuell einer Analyse unterzogen werden muss? Oder ist eine Aufgabe dieser Art von Anfang an als unmögliches Unterfangen zu betrachten? Bei der Übertragung eines Gedichts, besonders eines Dialektgedichts, in eine fremde Standardsprache kann die Übersetzung auf der Sprachebene zwar einwandfrei und normgerecht sein, doch sind dabei auch die konnotativen und emotionalen Aspekte berücksichtigt, die im Dialekt der Ausgangssprache enthalten sind?

2. Das Gedicht: Lehm ja koiv, Die Kuh und die Birke

(Microsoft/Animals 2011) (Hannu Helin 2007)

Diese Bilder wurden gewählt um das Problem der Diskrepanz bzw. der Gegensätzlichkeit des Dialektgedichts metaphorisch zu illustrieren, das in diesem Vortrag besprochen wird. Wir sehen eine glückliche Kuh auf der Wiese, ein sorgloses Tier im Freien unter dem blauen Himmel des Sommers. Im zweiten Foto steht eine Birke, aber keine gewöhnliche Birke mit einem geraden, hohen, weiβen Stamm der Reiseprospekte sondern ein krummer und beim ersten Blick hässlicher Baum. Darunter könnte sich keine Kuh, aber auch ein Mensch kaum legen. Trotzdem wird auch diese Birke im Sommer sich grün aufblühen und den Zuschauer mit ihrer Schönheit erfreuen. So ist es auch mit einem Dialektgedicht. Im ersten Blick eventuell sogar hässlich wie diese Birke. So lächelt man manchmal den südwestfinnischen Dialekt an mit der Behauptung, er sei der hässlichste Dialekt der finnischen Sprache. Man möchte sich ihm nicht nähern oder die Zugehörigkeit seines Sprecherkreises gestehen, oder gar darunter Ruhe und Heimat suchen. Macht man es trotzdem, kommt einem die Schönheit der Form und des Inhalts entgegen. So hat auch dieses Gedicht zahlreiche Freunde überall im Land gefunden. Es ist auch in viele weitere finnische Dialekte und wohl in mehrere (z. B. Deutsch, Englisch, Griechisch, Schwedisch, Estnisch und Esperanto) Fremdsprachen und deren Dialekte als kein anderes finnisches Gedicht übertragen worden.

Ich möchte hier also die Funktion dieser Übersetzungen und die Funktionen der Übersetzung in der Dialektdichtung im Allgemeinen einer Betrachtung unterziehen.  Es handelt sich im Gedicht um einen Menschen, der des Alltags und des stressigen Lebens müde ist und lieber eine Kuh wäre, die sich unter eine Birke legen könnte um dort zu bleiben, bis man ihr Fell ins Haus tragen und es im Wohnzimmer vor den warmen Kamin stellen wird.

3. Was ist ein Gedicht?

Fangen wir zuerst mit den Definitionen laut Burdorf  (1997: 1 bis 21) an. Er unterscheidet die Formen und Inhalte der Gedichte wie folgt:

Lyrik und Epik – literarische Gattungen. Die Gedichtgattungen im engeren Sinne sind Epik und Lyrik. Unter Epik verstehen wir  erzählende, unter Lyrik eher expressionistische Gedichte. Das Werk von Heli Laaksonen besteht, mit Ausnahme des Schauspiels, hauptsächlich aus lyrischen Texten oft jedoch mit einer verdeckten, wichtigen Botschaft.

Gedicht – ein Text, der zu diesen Gattungen zählt. Ein Gedicht kann gereimt oder ungereimt sein und trotz der Ungereimtheit einen Rhythmus haben, aber es gibt auch moderne Gedichte, deren Form oder Inhalt auch ohne Rhythmus begeistern (oder ärgern) kann.

Lyrisch – auch im weiteren Sinne: 'lyrisches Drama', 'lyrischer Tenor', lyrischer Mondschein. Die Bedeutung des Adjektivs lyrisch hat sich erweitert, so dass wir auβer Dichtung auch weitere stimmungsvolle, Emotionen erregende Kunst lyrisch nennen.

Auβerhalb der Gattungen Lyrik und Epik wird auch ein Text Gedicht genannt, der nicht in reiner Prosa verfaβt ist. Damit werden die Werke von Shakespeare, Schiller oder Goethe gemeint, um nur die berühmtesten zu nennen. Sie haben Versdramen, dramatische Gedichte geschaffen, die aus dem übersetzerischen Gesichtspunkt gesehen im Laufe der Geschichte mal gereimt, mal ungereimt in unterschiedliche Zielsprachen übersetzt worden sind.

'Lehrgedicht' (Aufklärung). Während der Aufklärung im 18. Jahrhundert wurde die Gedichtform genommen, um das Volk aufklären zu können. Es handelte sich also nicht um Epik im engeren Sinne, obwohl ein bestimmtes Thema enthalten war, noch weniger um Lyrik. Andererseits können wir uns fragen, ob nicht in jedem Gedicht, wie oben in den Gedichten unserer Autorin festgestellt, doch auch eine kleine Belehrung steckt?

3.1 Was ist ein Dialektgedicht

3.1.1 Dialektale Lyrik oder lyrischer Dialekt

Wenn ein Dichter oder eine Dichterin ein gefühlvolles, rührendes oder sogar lustiges Gedicht im Dialekt schreibt, muss der Leser oder Zuhörer sich fragen, welches der Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit dabei sei soll, der Dialekt oder die Lyrik bzw. der Inhalt des Gedichts. Wird eine lyrische Stimmung im Dialekt übertragen oder der dialektale Inhalt durch eine lyrische Form weitergegeben?

3.1.2 Funktion eines Dialektgedichts

Unsere nächste Frage gilt der Funktion eines Dialektgedichts. Worauf  zielt ein Autor oder eine Autorin durch das Verfassen eines Gedichts im Dialekt?  Heli Laaksonen selbst betont, dass der Dialekt ihrer Texte ihre eigentliche Muttersprache ist. Sie hat ihn zuerst gelernt und kann nur dadurch ihre tiefsten Gefühle äuβern, welche Meinung natürlich richtig ist. Ein Dialektgedicht kann aber trotzdem weitere Funktionen haben. Der Dialekt darin kann lustige und ermunternde Assoziationen und Gefühle erwecken, und das in bestimmten Situationen auch tut, obwohl es nicht seine Hauptfunktion ist. Das Niveau und die Wirkung der Heiterkeit in einem Dialektgedicht oder Dialektgesang darf nicht die Tatsache verstecken, dass der Dialekt und seine Aufbewahrung für viele Europäer in den letzten Jahrzehnten ein ernstes Streben war und ist, das nichts mit der Heiterkeit zu tun hat. Von den Gedichten unserer Autorin kann man sagen, dass sie wohlwollend und positiv sind, aber nicht oder nicht nur lustig oder humorvoll, sondern oft eher träumerisch und melancholisch.

Andererseits wird behauptet, dass ein Autor die Tendenz, die „Dialektmode“ oder Dialektboom bzw. das In-Sein der Dialekte, profitieren will und deshalb im Dialekt schreibt. Ob es stimmt, wird die Zukunft und die Beständigkeit des Geschöpften zeigen. Andererseits können wir uns gut vorstellen, dass ein Autor oder eine Autorin über solche Themen schreibt, die dem groβen Publikum gefallen, und dadurch seine Werke verkaufen kann, denn auch kein Dichter ernährt sich nur aus der frischen Luft.

3.1.3 Vergleich mit "normalen" Gedichten

Was ist bei einem Gedicht normal? Das kann man bei dieser Art der Kunst  nicht definieren. Wenn wir aber später noch z. B. die standardsprachige deutsche Übersetzung dieses Gedichts mit den dialektalen Versionen vergleichen, liegt es nahe, festzustellen, dass der Dialekt solche Stimmung und solche Gefühle hervorbringt, die bei der nüchternen Standardsprache verloren gehen oder neutralisiert werden.

3.1.4 Diachron (z. B. alte Kirchenlieder) bzw. synchron (Dialekte als "Mode")

Eines meiner Forschungsthemen ist die Übersetzung alter Kirchenlieder. Sie wurden damals sowohl im Dialekt verfasst als auch im Dialekt übersetzt, da es noch keine normierte Standardsprache gab. Einerseits sind sie also mit den modernen Dialektgedichten vergleichbar, doch waren sie damals zwangsläufig dialektal, da die Dichter keine andere Wahl treffen konnten, als die sprachliche Form zu wählen, die das Volk verwendete und verstand. Daher können Sprachwissenschaftler in solchen Texten Interferenzen und Transferenzen begegnen.

Besonders nach dem zweiten Weltkrieg hat sich der Begriff der Kultur verändert. Die Hochkultur ist nicht mehr die einzige akzeptable Form der Kultur und der einzige Forschungsobjekt der Kulturwissenschaften, sondern die Populärkultur ist allmählich ein Teil der Kultur und ein normales Objekt der Kulturforschung geworden. Da in der Populärkultur Lieder, Gedichte und andere schriftliche und mündliche Produkte des Dialekts veröffentlicht worden sind, bleibt der Dialekt nicht mehr das alleinige Forschungseigentum der Linguisten sondern erweckt Interesse auch bei Kulturwissenschaftlern, Musikologen und Literaturwissenschaftlern.

3.2 Übersetzen eines Dialektgedichts

3.2.1 Beachtung des Skopos der Autorin

Welche Kenntnisse soll der Übersetzer eines Dialektgedichts besitzen? Soll er oder sie sowohl die Ausgangssprache als auch den betreffenden Dialekt gründlich kennen? Wie wir sehen werden, ist es eigentlich kein Problem, einen Dialekt in eine normierte Standardsprache zu übersetzen. Aber was geschieht mit den Nuancen, den feinen impliziten, untergeordneten Bedeutungen, die nur durch den Dialekt geäuβert werden können?  Wird die Botschaft durch die Standardsprache weitergegeben, wird zwar der reine Inhalt aber nicht der tiefe Sinn übertragen, wenn in der Zielsprache nur die normierte Standardsprache für die Interpretierung verwendet wird. 

3.2.2 Funktion der Form und des Inhalts

Die dialektale Form ist immer mehr als nur die äuβere sprachliche Form. Sie enthält auch vieles von der Lebensweise, Kultur und Tradition der Sprecher dieses Dialekts, die nicht unbedingt Wort für Wort in einen zielsprachigen Dialekt zu übertragen sind. Wenn die Autorin, wie schon festgestellt, ihren Dialekt als den formalen Rahmen für ihr Kunstwerk gewählt hat, kann die Form nicht durch eine Standardsprache weitergegeben werden, sei sie dann dieselbe oder eine fremde Standardsprache.

In einem lyrischen Gedicht ist der Inhalt genauso wichtig wie in einem epischen, eine Geschichte erzählenden oder ein Ereignis berichtenden poetischen Werk. Wenn aber der Dialekt untrennbar vom Inhalt ist, geht dieser Teil des Lyrischen unbedingt verloren, wenn eine Standardsprache gewählt wird. Aus dem Dialekt wird eine oberflächliche Normsprache, und die tiefsten Bedeutungen verschwinden.

3.2.3 Übertragung der Form – oder des Inhalts

Wir stehen nun vor der Frage, was wichtiger beizubehalten ist, wenn eine vollständige Wiedergabe nicht möglich ist. Die dialektale Form oder der dialektbezogene Inhalt? Durch die späteren Beispiele des betreffenden Gedichts und seiner Übersetzungen können wir uns eine Auffassung darüber formulieren.

3.4 Wahl der sprachlichen Form

3.4.1 Aus dem Dialekt in die entsprechende Standardsprache oder in eine andere normierte Zielsprache

Bei der Wahl der sprachlichen Form haben wir im Prinzip mehrere Möglichkeiten. Ein Dialektgedicht kann grundsätzlich und rein sprachlich wohl in die entsprechende Standardsprache oder in eine andere normierte Zielsprache übersetzt werden, wenn der Übersetzer des betreffenden Dialekts mächtig ist.

3.4.2 Aus dem Dialekt in einen Dialekt der Zielsprache

Am besten gilt auch in diesem Fall das Ideal des Übersetzens in die Muttersprache bzw. in den eigenen Dialekt. Man kann aber auch einen fremden Dialekt der Muttersprache als die Zielsprache wählen. Aber welchen? Die Übersetzung in einen fremden Dialekt, obwohl er zur selben Standardsprache und dadurch zur Muttersprache des Übersetzers gehört, ist genauso schwierig wie die Übersetzung in eine erlernte fremde Standardsprache. Noch schwieriger wäre eine Übersetzung in einen Dialekt der fremden Sprache, auch wenn der Übersetzer die entsprechende Standardsprache völlig beherrschen würde. Sogar die Form des eigenen Dialekts ist nicht einfach, schriftlich weiterzugeben, obwohl man ihn mühelos spricht oder sprechen könnte.

3.5 Funktion – Wahl oder Resultat?

Was bedeutet die Wahl der Sprachform für die Funktion eines Gedichts? Wir haben schon über die Wahl der Sprachform durch den Verfasser oder die Verfasserin des Textes oder der Übersetzung gesprochen. Wurde die sprachliche Form des Ausgangstextes aus einem Grund oder anderem gewählt, bleibt dem Übersetzer die Qual, sie weiterzugeben. Wenn die dialektale Form und die Funktion eng einander gebunden sind, muss der Übersetzer die Wahl treffen, die für seinen Skopos das beste Resultat bringt. Trotzdem kann diese Wahl ein Fehler sein und neben der Form auch die Funktion des Gedichts verderben. Es ist natürlich möglich, dass das Resultat in diesem Fall ganz anders wird als von dem gestellten Skopos des Übersetzers vorausgesetzt oder sogar von dem ursprünglichen Verfasser gedacht war. Das endgültige Gelingen wird auf jeden Fall von dem groβen Publikum bewertet.

Kann der standardsprachliche Zieltext die Funktion des dialektalen Ausgangstextes beibehalten? Auch dieses Problem wurde schon erörtert. Wir werden es noch bei der Analyse der Übersetzungen besprechen. Auch hier gibt es natürlich keine eindeutige Lösung.

Kann die Funktion vom Übersetzer willkürlich bestimmt oder nur durch den Empfänger definiert werden?  Es ist möglich, dass der Übersetzer die Funktion des zu übersetzenden Dialektgedichts schon im Voraus bestimmt und diese Funktion als Ziel der Übertragung betrachtet, aber die endgültige Funktion wird schlieβlich vom Empfänger bestimmt. Er kann als Leser der ausgangssprachlichen Version oder als Rezipient des Translats den Inhalt und die Form in seiner eigenen Weise interpretieren, ungeachtet davon, wie der Autor oder der Übersetzer sich die "richtige" Bedeutung, Funktion und Form gedacht hat.

4. Auswahl der Übersetzungsmöglichkeiten

4.1 Aus dem Dialekt in die Standardsprache I

In der folgenden Tabelle werden das Original, eine finnische und eine deutsche Version in den betreffenden Standardsprachen parallel gezeigt:

Lehm ja koiv
Mää tahro olla lehm koivu al.
Mää en tahro olla luav.
Mää en tahro oppi uut taitto-ohjelma.
Mää en tahro selvittä äit-tytär suhret.
Mää en tahro viärä sitä kirjet posti.
Mää en tahro soitta Kelan tätil.
Mää en tahro muista yhtäkän pin-koori.
Antakka mu olla lehm koivu al.
Viäkkä mu väsyne nahk
kamarim permanol, kakluni ette.
 
Lehmä ja koivu
Tahdon olla lehmä koivun alla.
En tahdo olla luova.
En tahdo oppia uutta taitto-ohjelmaa.
En tahdo selvittää äiti-tytär -suhdetta.
En tahdo viedä sitä kirjettä postiin.
En tahdo soittaa Kelan virkailijalle.
En tahdo muistaa ainuttakaan pinkoodia.
Antakaa minun olla lehmä koivun alla.
Viekää väsynyt nahkani
olohuoneen lattialle, takan eteen.
Übersetzung (IH):
Ich will eine Kuh unter der Birke sein.
Ich will nicht kreativ sein.
Ich will das neue Layout-Programm nicht lernen.
Ich will die Mutter-Tochter Beziehung nicht regeln.
Ich will den Brief nicht zur Post bringen.
Ich will die Tante vom Sozialamt nicht anrufen.
Ich will mir keinen einzigen Pin-Code merken.
Lasst mich eine Kuh unter der Birke sein.
Trägt mein müdes Fell in die gute Stube vor den Kachelofen.

Heli Laaksonen (Pulu uis 2000)

Wir fangen mit dem Originalgedicht an, und analysieren zuerst den tieferen Inhalt des Gedichts, bevor wir zu den unterschiedlichen Versionen in fremden Sprachen und Dialekten übergehen.

Ein müder, stressiger Mensch, eigentlich implizit eine Frau, will seine/ihre Ruhe haben. Dass es sich um eine Frau handelt, zeigt die Wahl der gewünschten Metapher, eine Kuh, kein Stier. Ein groβer, starker Stier würde die Stimmung des Gedichts von Anfang an verderben. Eine Kuh steht für Gutmütigkeit, Ruhe und Gelassenheit, sie denkt und sieht sich beim Wiederkauen um, hat keine besondere Sorgen. Trotzdem sucht sie sich Schutz unter einer Birke, eventuell wegen des grellen Sonnenscheins oder des drohenden Sturms, was für alle Lebewesen gefährlich werden kann. Vielleicht hat die Protagonistin hier also sogar Sehnsucht nach dem Tod, nach einem Schicksalsschlag in der Form eines Blitzschlags. Die Dichterin kann nämlich in ihrer Kindheit die Geschichte der Kühe ihres Opas gehört haben, die auf der Wiese in der Nähe ihres Groβelternhauses weihten und den Sturm unter eine Birke geflohen waren, nur um dann vom Blitzschlag getötet zu werden. Es war ein groβer Verlust für den Bauer und wurde damals sogar in der Presse berichtet.

Die Protagonistin will sich nur ausruhen, vielleicht sogar sterben. Sie möchte nichts mehr vom kreativen Schaffen wissen oder nichts von einer eigenen Veröffentlichung und allen Computer-Programmen hören, die sie dabei beherrschen sollte. Diese Frau hat wahrscheinlich eine komplizierte Beziehung zu ihrer Mutter, wovon sie nichts mehr wissen will. In der Beziehung ist wahrscheinlich ein bestimmtes Problem gewesen, worüber sie jemandem schreiben sollte. Diesen Brief (einen bestimmten Brief wegen der sprachlichen Form) hat sie keine Lust, zur Post zu bringen oder in dieser Angelegenheit das Sozialamt telephonisch zu kontaktieren. Dass sie keinen neuen Pincode auswendig lernen möchte, können wir alle aus eigener Erfahrung gut verstehen.

Alles, dessen diese Frau müde ist, sind Sachen, die mit dem Leben der modernen Gesellschaft zu verbinden sind. Computerprogramme, zwischenmenschliche Verhältnisse, die heute oft medikalisiert werden, Dokumente auf Dokumente, die verfasst werden müssen und Behörde, die den Alltag bürokratisieren, sowie die Automatisierung aller Funktionen und Geschäfte, die früher noch einen menschlichen Kontakt benötigten.

Eine Kuh kann das alles vergessen. Als eine Kuh könnte sie das alte bäuerliche, ruhige Leben wiederfinden. Und die Birke betont dieses Verlangen noch weiter. Sie ist ein Kennzeichen der finnischen Natur, ein Symbol für die hellen Sommernächte, die grünen finnischen Wiesen und Wälder, die oft finnische Reiseprospekte beherrschen und versuchen, ausländische Touristen nach Finnland zu locken. Wieder ein Gegensatz zum Modernen, zur modernen Gesellschaft in einer Groβstadtumgebung. Ein weiterer Gegensatz zum Modernen ist natürlich der Dialekt. Im Dialekt gibt es kein Computerprogramm, eher stehen diese Programme auf halb Englisch, halb im komplizierten Fachjargon. Dialekt kann man für keine offiziellen Dokumente verwenden, und im Sozialamt versteht man nicht unbedingt den Dialekt des Kunden am Telefon. Die Bürokratie wurde auβerdem wegen der Ersparungen der Gesellschaft in ein fernes Zentrum konzentriert. Für die Angelegenheiten des kleinen Menschen sind dort gegebenenfalls sogar ausländische Angestellte zuständig, die auch die Standardsprache nur gebrochen sprechen.

Das alles möchte die Protagonistin hinter sich lassen und lieber in die alte, heimische Umgebung und in den eigenen Dialekt fliehen, wie eine Kuh den Sturm unter eine Birke flieht. Da möchte sie auch bleiben, bis sie stirbt. Was man danach mit ihr macht, ist ihr egal, doch möchte sie gern, dass man ihr müdes Fell, die Kuhhaut (wie z. B. ein Eisbärenfell mit Kopf, vgl. auch Dinner for one) ins Haus bringt und auf den Fuβboden der guten Stube, vor den Kachelofen legt. Wieder Ausdrücke im Dialekt, die an die alten Zeiten und an die heile Welt erinnern.

4.2 Aus dem Dialekt in eine fremde Standardsprache I

Das Gedicht ist durch freiwillige Interessierte in mehrere Sprachen und Dialekte übersetzt worden. Alle Versionen sind auf den Internetseiten der Autorin zu finden (http://www.hulimaa.fi). Sie hat mir die Erlaubnis gegeben, das Original zu benutzen. Die Übersetzer haben das Urheberrecht für ihre Texte, so dass ich sie nur beispielsweise verwende. Nur die Übersetzung einer Kollegin ins Wienerische konnte hier komplett zitiert werden.

Die Übersetzer ins Englische haben die Standardsprache gewählt. Das Gedicht hat ein nüchternes Gesicht erhalten, ohne die Wärme und den klein bisschen Humor, die dem Original kennzeichnend sind und durch den Dialekt erschaffen waren. Das Layoutprogramm ist software program geworden, dessen anlernen wohl alltäglicher ist als des Layoutprogramms, das im Alltag doch selten und nur von wenigen zu beherrschen ist, und wohl kein Grund zum Stress gewesen wäre. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter wurde durch das Plural relationships of the mothers and daughters

verallgemeinert und dadurch ging die bedeutsame Verbindung mit dem Brief verloren. That woman at the benefits office kümmert sich nicht um solche Verhältnisse oder soziale Probleme, worauf die Dichterin hinweisen möchte. Und „pin-koori“ ist ein Pincode, keine pin number. Die Übersetzung wiederholt den Wunsch der Frau nicht, eine Kuh sein und unter der Birke bleiben zu wollen. Ganz überraschend befiehlt sie nur die Leser: Take my tired hide and put it in front of the hearth. Wie die Kuh zu dieser Form gebracht oder geraten ist, bleibt ein Rätsel.

4.3 Aus dem Dialekt in eine fremde Standardsprache II

Die Übersetzung in die deutsche Standardsprache ist nicht identisch mit der obigen Version, die ich übertragen habe. Auf jeden Fall, genauso wie alle anderen Standardsprachen, verliert auch die deutsche Version die tieferen Bedeutungen des Dialektgedichts. Die Übersetzung kann gut mit derjenigen in die finnische Standardsprache verglichen werden, obwohl auch hier, wie im Englischen, über ein Software-Programm statt Layout die Rede ist. Der gröβte inhaltliche Unterschied ist im ersten Vers, in dem die Metapher ich will eine Kuh sein ein Vergleich ich will wie eine Kuh unter der Birke sein geworden ist. Die finnischen sozialpolitischen und gesellschaftlichen Besonderheiten können nicht durch die „Dreieinigkeit“ Mutter-Tochter-Beziehung, Brief und Tante vom Sozialamt übertragen werden. Dagegen ist die Tante vom Sozialamt doch gelungen und erweckt negative Konnotationen wie im Originalgedicht auch.

4.4 Aus dem Dialekt in eine künstliche Sprache

Das Gedicht ist sogar ins Esperanto übersetzt worden, in eine künstliche Sprache, die mehr oder weniger eine Kombination mehrerer Sprachen und mit einer möglichst einfachen Grammatik ausgerüstet ist. In der Esperanto-Version wird das Humoristische betont. Jetzt trägt teilweise ein Mann den Ton, denn die Beziehung zwischen Mutter und Tochter ist la rilaton inter patrino kaj filino geworden. Gut möglich, aber verändert die Assoziationen, die das Gedicht erweckt. Die Botschaft bleibt auf oberflächlichem Niveau, was nicht verhindert, den Humor im Augenwinkel der Dichterin zu sehen. Auch möchte bovino nicht, dass sein Fell ins Wohnzimmer sondern: Metu mian lacan haùton sur plankon dormocambran, antaù kahelan fornon, ins Schlafzimmer, vor den Kachelofen.

4.5 In eine Standardsprache und ihre Dialekte, Deutsch


A Kua auf da Wiesn
I wü a Kua auf da Wiesn sei.
I wü ned kreativ sei.
I wü kane naichn Softwea –Programm leana.
I wü d’ Muatta-Tochta-Beziehung ned analüsian.
I wü kane Schrieb auf d’ Post bringan miassn.
I wü beim Sozialåmt kane Ånträge stön.
I wü ma kan anzign PIN-Kod meakn.
Låsts mi a Kua auf da Wiesn sei.
Bringst meine miadn Knochn
ind Stubn aufn Bodn, direkt vorn Kachlofn.
(Wienerisch: Sylvia Ylinen-Rauscher)

Zwei Übersetzer haben sich gewagt, das Gedicht in einen deutschen Dialekt zu übertragen, und zwar ins Schweizerdeutsch und ins Wienerische. Auf Wienerisch steht die Kuh nicht unter einer Birke sondern auf der Wiese, wie im obigen Photo. In Österreich hätte die Birke nicht die richtigen Konnotationen erweckt, sondern in einem Alpenland soll die Kuh im Sommer sich auf dem Alm, oben in den hohen Bergen ausruhen. Hier möchte die Protagonistin die Mutter-Tochter Beziehung nicht analysieren, also mehr als nur klären. Das Sozialamt möchte sie nicht mit Anträgen bombardieren, vom Anrufen ist nicht die Rede. In dieser Version impliziert die Protagonistin nicht, sterben zu wollen, sondern nur abends müde in die Stube gebracht, bringst meine miadn Knochn ind Stubn aufnBodn, direkt vorn Kachlofn.  Da der Text diakritisch genau im Dialekt geschrieben wurde, kommt er immerhin näher zum Original, obwohl der implizite Sterbewunsch fehlt.

Das schweizerdeutsche Gedicht steht wiederum inhaltlich näher zum Original als das wienerische. Es ist auch näher zur standarddeutschen Version, obwohl schon das Fehlen des Vergleichs ‚wie’ auf dem ersten Vers und das Bleiben der Metapher uns zeigt, dass die Übersetzerin das finnische Original als Vorlage gehabt hat. Dies kann auch aus dem Layout-Programm  ersehen werden.  Der Dialekt verleiht dem Gedicht den warmen Ton und den tieferen Inhalt, genauso wie im Original und in der wienerischen Version, und dabei auch den tieferen Inhalt, das leicht Humoristische und das leicht Melancholische wie es auch sein soll.

Wir vergleichen noch die zwei deutschen Dialektübersetzungen miteinander. Die österreichische Kuh stand auf der Wiese, die schweizerische unter der Birke wie im südwestfinnischen Dialekt. Die österreichische Kuh lernt kein Software-Programm, die schweizerische kein Layout-Programm. Vom Anruf beim Sozialamt ist auf Wienerisch ein Antrag geworden, während das Schweizerdeutsche beim Inhalt der originalen Version geblieben ist. Was auf Wienerisch meine miadn Knochn sind, ist auf Schweizerdeutsch miis müedi Fell geworden. Beide sind aber sorgfältig und mit Gefühl in den eigenen Dialekt der Übersetzer übertragen worden, und beweisen, dass das Übersetzen eines Dialektgedichts nicht unmöglich, wenn auch schwierig ist.

4.6 Aus dem Dialekt in einen „verwandten“ Dialekt

Es gibt bisher sieben weitere Übersetzungen in verschiedene finnische Dialekte und in einen finnlandsschwedischen Dialekt. In den finnischen Versionen gibt es kleinere und gröβere Abweichungen vom Original bis auf  das Gegenteil zum Kernbotschaft, indem der Wunsch negiert wird: „Ich will nicht eine Kuh unter der Birke sein“. Ein interessantes Beispiel ist auch eine Übersetzung aus dem Südwestfinnischen ins Võru, einen der Dialekte des Estnischen, das in der Familie der finno-ugrischen Sprachen mit dem Finnischen am nächsten steht. Auβer den ähnlichen Strukturen können wir jedoch feststellen, dass die Beziehung zwischen Mutter und Tochter die Beziehung zwischen Eltern und Kind und das Layout-Programm einfach ein Computer-Programm geworden ist.

4.7 In einen „einheimischen“ Dialekt

Wir haben in Finnland zwei offizielle Sprachen, Finnisch und Schwedisch. Das Finnlandsschwedische weicht in vieler Hinsicht vom „Schwedenschwedischen“ ab. Insbesondere hat es ein anderes Vokabular, das teilweise aus finnischen Lehnwörtern, teilweise aus Lehnübersetzungen besteht. Die finnlandsschwedische Gedichtversion im Munsala Dialekt wurde von einem bekannten finnlandsschwedischen Autor übersetzt. Sie ist wirklich kreativ und erfinderisch, obwohl inhaltlich aus kreativ (luava) åppfinnar å poåhittar [‚Erfinder und Entdecker’] geworden ist. Dieser Protagonist möchte nai nyyji program po daaton [‚kein neues Programm auf dem Computer’] lernen oder wissen, wie es horo döötran haar e me måodron siin [‚zwischen Töchtern und Müttern’] steht. Anrufen will er nicht beim fålkpansjåon  [‚Volksrentenamt’], wie Kela (eigentlich: Kansaneläkelaitos) wortwörtlich übersetzt heiβt. Der Übersetzer hat, eventuell da er Finländer ist, das Ende des Gedichts so verstanden, wie die Autorin es meinen wollte, und den Sterbewunsch implizit geäuβert: Nachdem er die Kuh unter der Birke hat bleiben dürfen, bittet er, dass man tröitt sjinni oå me [‚mein müdes Fell’] auszieht und es in der Stube vor den Kachelofen ausbreitet.

Diese Übersetzung ist ein deutlicher Beweis dafür, wie wichtig die tiefen Kenntnisse einer Kultur in ihrer Gesamtheit sind, wenn man den richtigen Inhalt, nicht nur die oberste sprachliche Ebene weitergeben möchte, auch wenn die Oberfläche für das reine Verstehen ausreichend wäre.

5. Zum Schluss

Wir haben anhand eines einzigen Dialektgedichts erforscht, ob da Übersetzen dieses Genres überhaupt möglich ist und wie tief man bei unterschiedlichen Versionen in den innersten Inhalt gehen kann. Dabei haben wir gesehen, dass der bloβe Inhalt durch eine Standardsprache weitergegeben werden kann. Die Form kann eigentlich nur durch einen weiteren Dialekt übertragen werden. Aber erst durch einen anderen Dialekt und mit tiefem Verständnis des Ausgangsdialekts und der Ausgangskultur kann sowohl der engste Sinn und die tiefste Stimmung eines Dialektgedichts als auch die Form in einer Zielkultur erfolgreich empfangen werden. Aber möglich ist es!

6. Literatur

Laaksonen, Heli 2000. Pulu uis. Sammakko. Helsinki.

Internet-Seiten von Heli Laaksonen: http://www.hulimaa.fi

Burdorf, Dieter 1997. Einführung in die Gedichtanalyse. Metzler. Stuttgart. Weimar.

Helin, Irmeli (Hrsg.) 2008. Dialect for all Seasons. Cultural Diversity as Tool and Directive for dialect Researchers and Translators. Nodus Verlag. Münster.

Liefländer-Koistinen Luise 2001. Textverstehen und Übersetzen als kreative Handlung im kulturellen Kontext. In: Lele-Rozentäle, Dzintra (Hrsg.). Comparative Translation Studies Vergleichende Übersetzungsstudien. Mácíbu Grámata. Riga. S. 27 bis 41.

About the author(s)

PhD, professor of German Translation and Interpretation, University of Turku, Department of Linguistics and Translation Studies, adjunct professor of German Translation and Terminology, University of Helsinki. Main research areas: translation of dialects, retranslation, evidentiality and terminology. Member of the international scientific committee of MMDT

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©inTRAlinea & Irmeli Helin (2012).
"Gedichtübersetzung und Dialekt – eine unmögliche Kombination?"
inTRAlinea Special Issue: The Translation of Dialects in Multimedia II
Edited by: Giovanni Nadiani & Chris Rundle
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